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October 08, 2010

Oh yes.

Willkommen im Leben der Sina. Wir schreiben das Jahr 2010 - in weniger als drei Monaten ist schon Weihnachten - und wir befinden uns im verregneten Land der Königin, in der Nähe des kleinen Städtchens Stratford upon Avon, wo vor vielen Jahrhunderten ein gewisser Mr Shakespeare das Licht der Welt erblickte. In diesem Land, wo die Straßenlaternen gelb statt weiß leuchten, die Menschen 10 Tassen schwarzen Tee mit Milch pro Tag trinken und das Anstehen in der Schlange im Blut haben, hier also lebe ich nun schon seit zwei Jahren und ein weiteres beginnt jetzt. Ich schaue nach draußen, es stürmt und schüttet, die Blätter des am Hause sich hochrankenden Efeus klatschen gegen die Fensterscheibe und es ist so dunkel, dass man das Licht anmachen muss, obwohl es gerade erst Mittag ist. Ich sitze im Warmen, in High Wycombe, einem Vorort von „The City“, London, in dem die Leute wohnen, die morgens mit der Underground im Gewühl und bei stickiger Luft zu ihrem Büro fahren und abends nach einem Abstecher im Pub mit Kollegen wieder im Gewühl nach Hause fahren, um dann hier, in High Wycombe, ein bisschen unechte Landluft schnuppern zu können und einmal im Monat ihre Anziehsachen auf der Wäschespinne im Garten lufttrocknen können. Hier also bin ich, ausgeschlafen, habe soeben den Film Borat geschaut und fand ihn nicht so witzig wie es alle Welt sagt, bin momentan noch vom Internet abgeschnitten, muss meine Zeit deswegen auch nicht im grausigen Facebook verbringen, kann aber auch genauso wenig an meinen Bewerbungen weiterarbeiten, und entspanne mich. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. In zwei Tagen stoße ich die Tür auf zu unserem Haus in Royal Leamington Spa und werde zwei neue Mitbewohner begrüßen. So neu sind die allerdings gar nicht, denn Lotte, Lesedi und ich haben schon im ersten Jahr unsere Tocil-Wohnung mit ihnen geteilt. Und in drei Tagen stoße ich dann die Tür auf zur University of Warwick, Bachelor of Science in Mathematik, Jahr 3. Bis heute hatte ich einen prima Sommer. Eine Woche britischen Gast durch die schönen Gassen Bonns und Kölns und durch die erfrischenden Wasser des Rheins ziehend, zwei Monate Praktikum und ständiges Verlaufen im riesigen Bürogebäude, drei Wochen lang grandiosen Urlaub auf den griechischen Inseln, dort in jeglicher Hinsicht Finanzspritzen in die griechische Gesellschaft pumpend und dabei den wunderbaren Sonnenuntergang von Santorini genießend (Übrigens, Mama: Ich bin hier, in diesem Minidorf, wo ich gerade bin, gestern an einem „Santorini Greek Restaurant“ vorbeigekommen. Also wenn das nicht genauso ist, wie wenn man auf Kos das Buch vom deutschen David Precht aufschlägt und etwas über Naxos liest, dann weiß ich auch nicht!) und zwei Wochen lang von den Großeltern bekocht. Was will man mehr. Nun setze ich gut erholt und gesättigt meine akademische Reise zum Zahlenjongleur fort.

Hab ich schon einmal von der hohen Dichte an polnischen Supermärkten in England berichtet? Ja, in London, in den Londoner Vororten, sogar hier in Royal Leamington Spa. Auf Welt-Online habe ich soeben gelernt, dass laut Home Office seit der EU-Erweiterung Mai 2004 bis zum Frühjahr 2007 rund 70.000 Slowaken und 400.000 Polen nach Großbritannien eingewandert sind. Sehr enttäuschend allerdings: Es gibt keine Obladen in dem polnischen Laden in Leam. Dafür gibt es süße Sahne aus der Tube. Das macht mich auch glücklich.

Ich könnte wetten, dass auch die Dichte der Deutschen in Warwick steigt. Nach wie vor sind es nicht allzu viele (sprich einer), die jetzt in Mathe anfangen. An der Warwick Business School hingegen wimmelt es nur so von Deutschen, aber auch unter den Dozenten in der mathematischen Fakultät gibt es unheimlich viele Deutsche. Ich kann sie riechen und habe auf der Societies Fair gestern alle Deutschen richtig erkannt, sogar so einen kleinen Jungen, der schon in England Abitur gemacht hat und jetzt seit zwei Jahren Computer Science mit Business Studies oder so etwas studiert. Einem Österreicher habe ich leider einen deutschen Akzent unterstellt, aber er war nicht verletzt. Irgendwelche Deutschstudenten wollten, dass ich in die German Society eintrete und als ich gesagt habe, dass ich deutsch bin, waren sie ganz verwirrt, weil ich so einen Kauderwelsch-Akzent habe. Übrigens wird es noch laaaange dauern, bis der verschwindet. Ich habe mich mit dem einen Dozenten unterhalten und der ist jetzt schon seit mehreren Jahren in England, sein Sohn kann akzentfrei Englisch, weil er ja hier zur Schule geht, aber er selbst hat noch einen ziemlich extremen deutschen Akzent. Und der andere Dozent, der mich jetzt unterrichtet, wirft einfach manchmal deutsche Wörter mit in die Vorlesung ein, wie zum Beispiel "Erstens" oder "Analogie". Lustig.

Unser Costcutter (kleiner Supermarkt) auf dem Campus wurde umgebaut. Nun befindet sich nicht nur ein Bäcker und Nudelmann im Supermarkt, sondern durch das Umräumen ist es auch so gekommen, dass man nun am Eingang ausschließlich mit chinesischem Essen und Pot Noodles (eine Art chinesische 5-Minuten-Terrine) empfangen wird, was ich etwas seltsam finde.

X-Faktor wurde ja jetzt von den Deutschen aus England geklaut. Ich weiß auch warum: In Deutschland erwartet man den gleichen Hype wie in England. Es ist unglaublich: Sogar englische Jungs schauen diese Sendung (genauso wie Britain's Got Talent übrigens) und es ist der Anlass zu einem wunderbaren Get-together: Die Leute treffen sich, kochen zusammen und ziehen sich dann diesen Mist rein. Unglaublich. Manchmal muss ich auch. Aber nur aus Geselligkeit.

Wie das so ist... 18.000 Studenten auf dem Campus der University of Warwick, vor allem in der ersten Woche, wo wirklich alle noch ganz aufgeregt sind und keiner schläft, weil so viel zu tun ist und es so viele neue Leute gibt, die man kennen lernen muss. Innerhalb einer Stunde auf dem Campus also treffe ich die Birte, mit der ich in Dresden in die 5. und 6. Klasse gegangen bin. Ich wusste zwar, dass sie ein ERASMUS-Jahr in Warwick macht, aber wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit sie zu treffen? Nicht hoch.

In wenigen Stunden fahre ich nach London, um dann morgen dort Mumford & Sons zu sehen. Oh, wie ich mich freue.

Was mich hier sehr nervt, ist, dass überall (nicht nur im alltäglichen Sprachgebrauch, sondern auch auf offizieller Seite) gleichzeitig von "England" oder "Great Britain" und "Europe" (im Sinne von entweder oder) gesprochen wird. Als ob England nicht Europa ist. Und nein, "Europe" ist nicht automatisch eine Abkürzung für Kontinentaleuropa. Aaaaargh. Blöder Nationalstolz.

So, die ganze Woche habe ich eigentlich damit verbracht, Freshers (also Erstjährler) zu angeln. Auf der Sports Fair haben wir potentiellen Wasserballern und Schwimmern erklärt, dass sie unbedingt Mitglied werden sollen, weil wir der beste Verein ganz Warwicks sind und wir hatten auch bereits unsere ersten Taster Sessions, in der die Neuen in unser Training reinschnuppern können. Die Jungs haben viele, viele neue Wasserballer bekommen, die meisten davon haben schon vorher irgendwo gespielt. Wir Mädels haben auch erstaunlich viele dazu bekommen, aber nur 2 haben vorher schon einmal Wasserball gespielt. Mal schaun, wie viele denn jetzt dabei bleiben. Auf der Societies Fair haben wir die Mathematiker ermutigt, in die Maths Society einzutreten (meine Werbung klang nach mehreren Stunden Werben wie vom Tonband oder auswendig gelernt) und haben die Geeks davon überzeugt, dass es bei uns viele Geeks gibt und sie sich wohl fühlen werden. Die Normalos haben wir davon überzeugt, dass wir nicht nur Geeks haben und sie sich wohl fühlen werden. Ha. Glücklicher Weise waren der TEDx- und der Mathestand direkt gegenüber, sodass ich mit meinem TEDx-T-Shirt die Matheflyer verteilt und dann später mit meinem Mathepullover die TEDx-Konferenz angepriesen habe. TEDx hat glücklicher Weise viele Leute interessiert - es ist sehr schwierig jemandem zu erklären, dass TED grandios ist, wenn er noch nie ein TED-Video geschaut hat - und wir kriegen hoffentlich noch viele weitere Bewerbungen von Leuten, die helfen wollen das Event zu organisieren. Natürlich ist TEDx Warwick mittlerweile so groß, dass wir die Ehre haben Teammitglieder unter vielen Bewerbern auszuwählen, unter anderem durch Interviews. Übrigens war TEDx Warwick 2009 die allererste TEDx-Konferenz auf der ganzen Welt! 2011 kommen zu uns unter anderem der berühmte Ökonom Tim Harford (Autor für die Financial Times und des Buches "The Undercover Economist") und Rory Sutherland (http://www.ted.com/talks/rory_sutherland_life_lessons_from_an_ad_man.html - klingt auf deutschen Untertitel direkt unter dem Video). Das heißt nicht, dass die anderen Redner weniger interessant sind! Im Prinzip gilt folgendes: Wer am 5. März 2011 noch nichts zu tun hat, wird einen brillianten Tag haben, wenn er nach Warwick kommt und sich von grandiosen Rednern von neuen Ideen und Forschungen erzählen lässt!

Es ist erstaunlich, wie viel Arbeit hinter einer eintägigen Konferenz mit etwa 800 Leuten im Publikum steckt. Ansonsten bin ich im Wasser oder arbeite an meinem Stundenplan. Komplett freie Modulauswahl bringt nämlich die Schwierigkeit des Entscheiden-müssens mit sich. Und außerdem sollte ich unbedingt mal weiter an meinen Bewerbungen für das Masterstudium arbeiten. Mal schauen, in welches Land mich das verschlagen wird.

Das Wetter ist erträglich: morgens nebelig, nachmittags sonnig. Außerdem muss ich unbedingt demnächst Lebensmittel einkaufen gehen; langsam ersticke ich an meinem Griesbrei. Ich fände es auch sehr hilfreich, wenn England jetzt endlich mal den Euro einführen könnte. Diese ganze Geldhin- und herschieberei kostet mich viel Zeit und Geld und Nerven. Ansonsten kann ich mich nicht beklagen, mir gehts wunderprächtig und ich wusel wie immer viel in der Weltgeschichte umher.

Seid alle gedrückt von mir!




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